Wenn ich darüber nachdenke, dass in einer Stunde die letzten Ferien meines Lebens starten, ist mir irgendwie mulmig im Magen.
Erwachsen werden ist halt einfach nicht mein Ding. Alleine der Gedanke, jeden Tag für acht Stunden in irgendeinem Büro zu sitzen und mein bestes fake-lächeln aufzusetzen, lässt mich nicht unbedingt in Freude ausbrechen.
Während die anderen schon wissen, welchen unfassbar spannenden Karriereweg sie einschlagen wollen, sitze ich nach der Schule am Rechner, male irgendwelche Manga-Figuren oder rante auf Reddit über die neuesten Animes auf crunchyroll.
Man könnte sagen, ich weigere mich einfach partout, den nächsten Schritt ins große Leben zu gehen. Aber hey, das ist das Problem von Zukunfts-Ich. Easy. Gleich sind erstmal Ferien, und morgen geht’s mit meiner Schwester Nika zu Onkel Matt und seiner Farm.
So klischeehaft das klingt, aber wir verbringen seit Jahren die Sommerferien einfach auf dem Land. So richtig in einem Holzhaus, mit Scheunen, Stroh und gedöhns. Der Traum eines jeden introvertierten, angehenden Erwachsenen. Nur Nika fuckt sich jedes mal über den zugegebenermaßen echt schlechten Empfang ab. Aber Mika ist sowieso.. Ugh, wo fange ich an?
Also, Nika und ich sind Stiefschwestern – und unterschiedlicher könnte man eigentlich nur sein, wenn man sich aktiv Mühe geben würde.
Während ich in den Pausen allein an meinem Tisch hocke und auf dem iPad irgendwelche Manga-Girls zeichne, steht sie draußen hinter der Schule und raucht mit den anderen „coolen“, die sich um sie scharren.
Und das Schlimmste?
Alle lieben sie dafür.
Also nicht für das Rauchen, aber für ihre absolut lässige, coole Art. Das coole Skater-Girl, was einfach alles tun und lassen darf was sie will – Ohne Konsequenzen.
Sogar die Lehrer fahren voll auf sie ab. „Nika hat so eine natürliche Präsenz!“ – ja, weil sie allen permanent ins Gesicht lächelt. Sie weiß, wie man andere Manipuliert — Natürlich immer zu ihren Gunsten.
Und ich? Ich bin der uncoole Gegenentwurf. Die, die lieber zeichnet als redet. Die, die niemand bemerkt, außer wenn ich aus Versehen im Weg stehe.
Tessa, das Schattenwesen. Yay.
Vielleicht wäre es einfacher, wenn Nika mich einfach ignorieren würde. Aber nö. Jedes Gespräch – wenn man das überhaupt so nennen kann – läuft bei ihr nach dem Motto: „Warum atmest du überhaupt in meiner Nähe?“
Sie redet mit mir, als wäre ich ein lästiger Pickel, den man nicht ausdrücken darf, weil er sonst nur noch mehr nervt.
Und jedes Mal, wenn ihre Freundinnen sie anhimmeln, während sie mich so abwertend mustert, könnte ich einfach nur im Strahl kotzen.
Ich weiß, ich soll sie „Familie“ nennen.
Aber ganz ehrlich?
Sie alleine könnte die Erklärung dafür sein, warum ich lieber mit Tieren als mit Menschen rede. Oder warum ich mir sicher bin, dass Evolution rückwärts auch ganz gut funktioniert.
Auf der Farm schaffen wir es aber tatsächlich ganz gut, uns aus dem Weg zu gehen. Abends geht sie Feiern, kommt dann irgendwann morgens wieder und schläft ihren Kater bis irgendwann nachmittags aus. Da bin ich sowieso meistens schon draußen, in der Scheune oder..
Bei Leni.
Ich schwöre, alleine wenn der Name in irgendeiner Ecke meines Hirns auftaucht, schießt irgendwo ‚ne Synapse durch. Okay, Erklärungstime:
Leni ist… anders. Und zwar so anders, dass ich jedes Mal vergesse, wie Sprache funktioniert, wenn sie mich anschaut. Dieses heiße Farmmädchen-mit-Undercover-Bad-Girl-Aura-Ding, das sie hat? Kein Plan, wie sie das macht, aber scheiße, alles an ihr ist einfach nur perfekt.
Sie trägt alte Jeans, riecht nach irgendwas zwischen Sommerwiese und Diesel, fährt Traktoren wie andere Leute E-Scooter und sieht aus, als würde sie im Sonnenuntergang leuchten, selbst wenn es regnet.
Und das Krasseste?
Sie redet mit mir, als wäre ich ein Mensch.
Nicht wie Nika. Nicht wie irgendwer in der Schule. Sondern als wäre das, was ich sage, nicht komplett egal.
Und letztes Jahr.. gab es dann noch diesen Moment.
Es war einer dieser warmen Abende, an denen die Luft noch so nach heißem Sommertag riecht. Selbst die Wiese, auf der wir saßen, hat noch richtig angenehm die Wärme ausgestrahlt.
Eigentlich wollten wir uns nur mal kurz hinsetzen, um den Tag ausklingen zu lassen. Aus Sekunden wurden Minuten, aus Minuten am Ende sogar Stunden.
Und Leute, es war einfach nur wunderschön. Wir haben Grillen beobachtet, Vögel beim Nest bauen gesehen und über allmöglichen Scheiß gelacht — Unter anderem über meine sehr berechtigte Angst vor Gänsen. Weil come on — diese Viecher sind einfach nur blanker Hass auf zwei Beinen. Die sind nicht süß. Die sind nicht witzig. Die sind einfach nur ready to fight, ständig auf der Suche nach jemanden, den sie abfucken können. Leni kackt jedes mal ab, wenn ich wieder jegliches Klischee von Stadtkind erfülle — Mit iPad und AirPods unterm Baum sitzen, aber sich ständig über die scheiß Fliegen beschweren, die mich anscheinend als ideale Plattform für ne Pause betrachten und dann ihre kack Hände aneinander reiben.
Wir beide haben an dem Abend einfach so viel Gelacht, dass wir irgendwann einfach heulend auf der Wiese lagen und ein dezentes Sauerstoff-Defizit vorgewiesen haben. Ich frag mich bis heute, ob wir unbewusst in irgendwelchen Trip-Pilzen saßen oder ob wir beide wirklich so lost sind.
Und dann kam eben noch dieser Moment.
Der Moment, der seit einem Jahr mietfrei in meinem Kopf wohnt.
Irgendwann lagen wir dann nebeneinander in der Wiese. Die Sonne war weg, aber der Himmel glühte noch. Und Leni sah mich an.
Nicht wie eine Freundin.
Nicht wie jemand, der gerade zufällig neben mir liegt.
Sondern so, als würde sie nach etwas suchen.
Und ich… ich hab einfach zurückgeguckt. Viel zu lange. Viel länger, als man darf, wenn man nicht will, dass jemand merkt, wie laut das eigene Herz schlägt.
Leni blinzelte langsam, grinste ein bisschen schief und sagte dann, ganz beiläufig, als würde sie mir eine beiläufige Info über das Wetter zuwerfen:
„Du bist eigentlich ziemlich süß, weißt du das?“
Ich hätte sterben können.
Oder schreien.
Oder in den Erdboden verschwinden.
Ich hingegen habe gar nichts gesagt. Keine Ahnung, wie ich überhaupt weiter geatmet habe. Vielleicht hab ich’s auch kurz vergessen.
Seit diesem Abend habe ich mir geschworen, dass ich diesen Sommer den Mut zusammenkratze, ihr zu sagen, was ich für sie empfinde.
Simple Mission, theoretisch.
Blöd nur, dass ich bisher nur imaginären Charakteren auf meinem Bildschirm meine innige Liebe gestanden habe.
Aber hey… wenn ich es diesen Sommer nicht tue, tu ich’s wahrscheinlich nie.
Und der Gedanke macht mir mehr Angst als jede Abfuhr, die sie mir geben könnte.

